Dienstag, 30. Juni 2015

Let's talk about: Trichotillomanie und warum niemand darüber spricht.

Quelle: Nichtlustig.de


Als ich zehn Jahre alt war, hatte ich die "schlechte Angewohnheit" an meinen Haaren zu kauen, wenn ich mich konzentrierte. Auch zog ich an meinen Haarsträhnen und spielte mit ihnen. Ich konnte nicht die Finger von meinen Haaren lassen. Meine Mutter, resolut wie sie war, reichte es irgendwann und so setzte sie die Schere an meine langen Strähnen. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich danach mehr Ähnlichkeit mit einem Jungen hatte. Die Haare kurz geschoren, so dass ich sie nicht mehr fassen konnte. Maximal fünf Zentimeter ließ sie mir, in der Hoffnung ich würde meine Finger von meinen Haaren lassen. Und tatsächlich ließ ich sie in Ruhe. Aber nur solange, wie alles in meinem Leben gut war. Wenn ich gestresst war, fing meine Kopfhaut an zu jucken und ich zupfte und kratzte und zerrte an meinen Strähnen herum, um Linderung zu bekommen. Es half nichts und so musste ich über die Jahre lernen, dass Jucken in Stresssituationen zu ignorieren. Mehr schlecht als recht gelang es mir und erntete häufig auch Schelte von Seiten meiner Mutter. Damals wusste ich nicht, warum sich meine Kopfhaut so aufführte.
Heute weiß ich, dass ich damals schon in meiner Kindheit die Impulskontrollstörung namens Trichotillomanie hatte.

Was ist Trichotillomanie?

Bei der Trichotillomanie (kurz Trich) handelt es sich um eine komplexe Impulskontrollstörung, bei dem sich der Betroffene die eigenen Haare ausreißt oder aber auch sich seine Kopfhaut zerkratzt. In den meisten Fällen handelt es sich um Kopfhaare, aber auch können die Haare unterschiedlicher Körperregionen (unter anderem Augenbrauen und Wimpern) betroffen sein. In den häufigsten Fall kann es bei den Betroffenen zu Kahlstellen kommen, wobei das nicht immer der Fall sein muss. In vielen Fällen leidet der Betroffene auch unter der Begleiterscheinung "Trichophagie", wobei die Haare verschluckt werden oder aber die Mundgegend berühren muss, bevor sie entsorgt werden.
Schmerzen nehmen die Betroffenen dabei kaum bis gar nicht wahr und wenn sie gefühlt werden, werden sie als angenehm befunden oder aber ignoriert. Auffällig ist, das die Störung in der Zeit der Pubertät zum ersten Mal erscheint, jedoch kann Trichotillomanie in jedem Alter auftreten. Bis jetzt wurden noch nicht geklärt, warum sie am Häufigsten in der Pubertät auftritt. Man vermutet die verändernde Hormonzusammensetzung als einer der Gründe dafür, bewiesen ist dies noch nicht.
Häufig sind auch Depressionen und verschiedene Angststörungen eine der Begleiterkrankungen.
Trotz der vielen Übereinstimmungen mit verschiedenen Zwangsstörungen gehört Trichotillomanie nicht in diese Sparte, da bei Zwangsstörrungen auftretende Zwangshandlungen und Zwangsgedanken als unangenehm und quälend beschrieben werden, während ein Großteiler der an Trichotillomanieerkrankten sich seiner Handlung nicht bewusst sind.
Nur etwa ein Drittel gibt an, einen Drang nach dieser Handlung zu spüren, wie etwa eine Reizung der Kopfhaut oder das Jucken eben dieser. Häufig wird das Rausreißen seiner eigenen Haare auch zum Streßabbau benutzt oder um einem Leergefühl entgegen zu wirken.

Warum habe ich Trichotillomanie?

Bis heute wurde noch kein genauer Grund festgestellt, warum Menschen die Impulskontrollstörung Trichotillomanie haben. Man geht in vielen Einzelfällen davon aus, das es unterschiedliche Auslöser haben kann. Etwa traumatische Erlebnisse in der Kindheit, wie etwa den Tod einer nahestehenden Person, Missbrauch oder andere schwierige Erlebnisse. In vielen Fällen gibt es aber auch subtilere Geschehnisse im Leben, die zu einem verminderten Selbstwertgefühl führen, welches wieder Trichotillomanie auslösen kann.
Ein weiterer Grund kann auch der hohe Streß im Leben der Betroffenen sein.
Neue Studien haben ergeben, dass Trichotillomanie erblich sein kann.

Welche Folgen hat Trichotillomanie?

Wie jede psychische Erkrankung leiden die Betroffenen mehr unter ihrer Störung, als unter ihren Auswirkungen. Oft versuchen Betroffene die auftretenden kahlen Stellen zu verdecken, indem sie sich verschleiern. Auch wird das häufige Ziehen, Zupfen und Drehen der Haare in der Umgebung als lächerlich und störend empfunden. Die Betroffenen versuchen generell jede Situation und Tätigkeit zu vermeiden, die zu einer Entdeckung dieser Störung führen kann. Eine soziale Selbstisolation der Betroffenen kann die Folge sein.
Eine der seltenen Komplikationen kann für die Betroffenen, die unter der Nebenkrankheit Trichophagie leiden, das Verschlucken der Haare sein. Das Sammeln der Haare im Magen kann zu einem Darmverschluss führen. Dies wird als das Rapunzelsyndrom bezeichnet. Häufig kann dies nur mit einer Operation gelöst werden.

Gibt es eine Behandlung?

Eine richtige Behandlung für Trichotillomanie gibt es bis jetzt noch nicht. Eine Prognose ist allerdings im Allgemein immer eine gute Idee. Generell wird eine Minderung des Stressniveaus empfohlen. Dies kann durch Entspannungstechniken, wie Meditation, Autogenes Training oder Muskelentspannung erzielt werden.
Liegt eine schwere Beeinträchtigung der Lebensqualität oder aber eine sehr schwere Isolation vor, so wird eine psychotherapeutische Behandlung empfohlen. Ebenso eine medikamentöse Maßnahme.

Ich habe jemand in meinem Umfeld, der an Trichotillomanie leidet. Was kann ich tun?

Erst einmal solltest du ihn nicht anders behandeln, nur weil du weißt, was Trichotillomanie ist. Generell ist ein Gespräch in aller Ruhe, indem du ihm sagt, dass dich das absolut nicht stört, eine gute Sache. Ansonsten gilt immer das Wörtchen "Geduld". Geduld mit ihm oder ihr. Jeder Mensch öffnet sich selber, wann er möchte und spricht auch darüber, wann er möchte. Provoziere ihn nicht, indem du ihm Namen hinterher ruft, die ihn verletzten könnten. Das würde die Sache nur schlimmer machen!

Ich habe Trichotillomanie! Was kann ich tun?

Am besten ist es, wenn du mit einem Arzt darüber sprichst. Suche dir einen Arzt, der beschult in Impulskontrollstörungen ist und lass dich beraten und dir helfen. Versuche deinen Stress zu reduzieren und dich am Tag auch zu entspannen. Weiterhin hilft Vaseline in deinen Haare und an deinen Fingern. Das hilft gegen das Ziehen. Weiterhin hilft das Tragen von Tüchern und Perücken, sowie das Tragen von leichten Wollhandschuhen.
Weitere Tipps und Tricks für dich in deinem Alltag findest du >>hier<<. Ansonsten kann ich dir noch einen persönlichen Rat geben: Jeder Mensch hat schlechte Tage. Ärgere dich nicht darüber, dass ein Tag nicht so gelaufen ist, wie du wolltest und du dich wieder beim Reißen erwischt hast. Versuche jeden Tag dein dir Bestes.

Weitere Links zum Thema Trichotillomanie findet ihr hier:

- Michaela

1 Kommentar:

  1. Irgendwie mag Blogger meine Kommentare heute nicht...
    [Zweiter Versuch]

    Mutig von dir, dich dem hier öffentlich zu stellen und toll, wie einfühlsam du dazu berichtest.
    Ich denke, dass viele solcher "Störungen" weiter verbreitet sind, als man meint.

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